Auf nach Mailand …


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Der TILO in Locarno

Sein Rad war schwer beladen als er es vor mir in Locarno in den TILO (Treni Regionali Ticino Lombardia) schob. Unsere Räder – beladen wie die sprichwörtlichen Packesel – standen nebeneinander in der Multifunktionszone* der Zugkomposition und füllten sie nahezu komplett aus. Ich liess mich auf einen der Klappsitze neben ihm fallen.

Vier Tage Berg-Radtraining am Logo Maggiore – man gönnt sich ja sonst nichts! Nun fuhr ich über‘s Osterfest runter nach Mailand. So lange hatte ich mich darauf gefreut und auch so lange gespart und nun wird es endlich wahr: Mailand!

Ich schaute aus dem Fenster, der Zug zuckelte entlang des Sees durch die Landschaft. Unsere Blicke trafen sich. Er war vielleicht Mitte 20 und seine leicht abgewetzte Kappe war ein Kontrapunkt zu seinen jungen strahlenden Augen und seinem dauerhaften Lächeln.

Er fragte mich woher und wohin und wieso per Fahrrad, was ich kurz beantwortete. Er sei unterwegs zu Freunden bei Biasca, also Richtung Norden. Jemand hätte ihm 40 Euro gegeben (was an diesem Feiertag in der Schweiz reichlich unbrauchbar war) und bei den Freunden gäbe es auch etwas zu Essen. Ich stutzte – ich hatte im Hotel gerade ein reichhaltiges Frühstück genossen. „Haben Sie Hunger?“ fragte ich, worauf er verschämt lächelte. Nein, er hätte in der Tat heute noch nicht gefrühstückt entgegnete er.

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Muralto bei Locarno

Ich kramte aus den 1001 Packtaschen wortlos einen wunderbar frischen hellgrünen großen Apfel heraus. Im Hotel stand jeden Tag in der Lobby gleich neben dem Eingang eine große Obstschale für die Gäste, gefüllt mit wunderbar frischen Früchten. Die Gäste leerten sie alltäglich, die nette Rezeptionistin füllte sie alltäglich gleichmütig und lächelnd wieder auf. An diesem Reisetag hatte ich das freundliche Angebot angenommen und zückte nun wortlos mein Taschenmesser um den Apfel zu zerteilen. Ich schnitt ihm eine große, wirklich sehr große Spalte ab, die er gerne freundlich nickend annahm. Anschliessend schnitt ich mir verschämt eine kleine Spalte ab. Die ganze Frucht hätte er möglicherweise beschämt abgelehnt, was ich unbedingt vermeiden wollte. Parallel schauten wir nun auf unserem Stück Apfel kauend aus dem Seitenfenster des Zugs auf die Felder.  „Leere Felder …“ sagte er nach einer Weile in italienischer Sprache, ich nickte stumm. „… nichts zu verdienen!“ sprach er weiter. Ich begann zu verstehen.

Ich reichte den Rest der ersten Hälfte des Apfels wortlos ‘rüber, er nickte dankend, und schnitt mir von der zweiten Hälfte eine winzige, wirklich winzige Spalte ab bevor ich den Rest herüberreichte.

Nach ein paar Minuten präsentierte er mir seine leicht abgewetzte Kappe auf die er mächtig stolz zu sein schien. Sie sei ein Geschenk und er habe es gerade bekommen. Dann sprang er auf und zeigte mir die am Rad befestigte Angelrute, die ebenfalls schon bessere Tage gesehen hatte. Den Defekt der Rute aus Kohlefaser könne man reparieren. Wir lächelten gemeinsam. Nachdem er die Rute wieder verstaut hatte, zeigte er auf meinen Ledersattel, dann auf mein dickes Schloss am Rad: Er deutete mir, ich solle den Ledersattel in Mailand bitte extra am Rahmen sichern. „Man weiss nie in Mailand! Und überhaupt: Mailand … zapp-zarapp!!!“. Ich bedankte mich für seine Ratschläge und beteuerte ich würde gut auf’s Rad‘l und mich bestens aufpassen!

Ich kramte aus den Packtaschen meines Rades noch meine eiserne Reserve, eine Schweizer Schokolade, heraus und drückte sie ihm verbunden mit den besten Wünschen für den Rest der Reise in die Hand. Er bedankte sich 1000-mal.

Unsere Wege trennten sich in Giubasco (Tessin) doch mit seiner großen Freude an den kleinen Dingen des Lebens wie einer Kappe und der Angelrute trotz eines leeren Magens hat er mich stark beeindruckt!

* (Rad, Rollstuhl, behindertengerechte Toilette, …)

Bilder (2): Klaus Theißing

 

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