Wie «ALLES» begann …


Das ist die Geschichte vor allen Geschichten

2016-11-dampflok-78-468

Mit Volldampf durch’s Münsterland: Die 78-468 im Nebel zwischen Roxel und Havixbeck.

Richtung Reckenfeld konnte man einen kleinen schwarzen Punkt mit einer großen Wolke darüber erkennen. Er wurde langsam größer und nach einer langen Minute fuhr der Zug endlich am Bahnsteig in Greven (Münsterland) vor. Unwillkürlich trat meine Tante Elisabeth bei der Passage der Dampflok einen Schritt zurück, spürte trotzdem aber die Wärme, die die riesige Maschine abstrahlte.

Sie fuhr arbeitstäglich von Greven mit dem Zug nach Münster zur Arbeit. Heute würde man das „Pendeln“ nenne, aber damals Ende der 50er, Anfang der 60er gab es Begriff noch nicht. Autos waren damals unbezahlbar und so hatte kaum jemand einen Wagen. Die Züge waren zu den üblichen Pendlerzeiten stets «proppenvoll». Trotzdem versah der Eisenbahner an der Bahnsteigsperre seine Pflicht gewissenhaft: So war vor dem Fahrtantritt die Fahrkarte vorzuweisen. Die Kontrolle am Bahnsteig wäre heute undenk- und unbezahlbar!

im HBf Münster

Die 78 468 mit einigen «Donnerbüchsen» in Münster(Westf.) Hbf.

Die Sitze in den alten Wagen, liebevoll «Donnerbüchsen» genannt, waren aus wohl geformten Holzlatten, der Begriff „Holzklasse“ war tägliche bittere Realität. Eine gepolsterte 1. Klasse konnte man sich als kleine Angestellte natürlich nicht leisten!

Über die Jahre hatte sich eine etwa gleichaltrige Bahnbekanntschaft ergeben: Hedwig Mammes stieg schon in Rheine, heute zwei Stationen vorher ein und konnte so einen Platz für Elisabeth freihalten. Über die Jahre tauschten sie sich aus und freundeten sich mehr und mehr an. Sie hatten sich sicher viel zu erzählen auf der halbstündigen Fahrt zwischen Greven und Münster. Wahrscheinlich natürlich auch über ihre Freunde, denn die jungen Damen waren Ende 20 und zwischen beiden bestand lediglich ein Altersunterschied einiger weniger Jahre.

An der Strecke standen damals «Telegrafendrähte»: Holzmasten mit stählernen Querstangen, auf denen meist acht weiße Porzellanisolatoren angebracht waren säumten den Weg. An diesen weißen Isolatoren waren die Drähte der Fernsprechleitungen und andere Leitungen befestigt. Da die Strecke eine wichtige Hauptstrecke war, trug jeder Holzmast bis zu vier Traversen und somit ein dickes Bündel von Drähten. Die jungen Damen hatten aber keine Augen für die Schönheit der technischen Einrichtungen. Trotzdem war es sicher schön zuzusehen, wie sich bei der Vorbeifahrt mit dem Zug die Bündel immer auf und ab bewegten und wie die dicken weißen Dampfwolken der Lok durch sie hindurch zogen.

Ja: die beiden jungen Damen feierten auch manchmal zusammen. Dazu ging es dann meist „in die große Stadt“ nach Münster. Wen könnte man denn dieses Jahr Karneval mal mitnehmen – auf einen „Zug durch die Gemeinde“? Den beiden war mit ihren Freunden die Sache wohl zu langweilig. Tante Elisabeth hatte noch zwei ältere Brüder: der Älteste war wohl schon vergeben, aber der Jüngere, Hans, war ledig und für solche Späße immer zu haben. „Den bring ich mit!“ meinte sie keck!

Nach einiger Überlegung fiel Hedwig zum Glück die „kleine“ Cousine ihres jetzigen Mannes, Marianne, ein. Sie war einige Jahre jünger, aber würde den Spaß auch wohl mitmachen.

Und so kam es, dass sich meine Eltern kennen lernten – durch die Bahnbekanntschaft meiner Tante Elisabeth.

In Memoriam
Elisabeth Meyer (geb. Theißing, 1936 – 2016)

Siehe auch

  • Wer in unserer Zeit  eine Schienenkreuzfahrt mit der 78 468 oder anderen Loks durch’s Münsterland unternehmen möchte, kann weitere Infos unter www.Eisenbahn-Tradition.de einsehen und dort auch gleich die Karten bestellen.
    Übrigens: Es ist ein unvergessliches Erlebnis!
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