Deutschlandreise


von Najib Karim

Hamburg

Ich stehe am Bahnsteig. Die Massen drängen sich in den Zug der DB von Hamburg nach Köln. Der Zug scheint überfüllt zu sein. Die Schlangen vor den Türen werden nicht kleiner. 99 Euro die einfache Fahrt. Mit Bahncard 50 für die Hälfte.

Mein HKX-Zug fährt am gegenübenderliegenden Gleis ein und ich steige hinzu. In meinem Abteil sind wir zu dritt. Ich strecke meine Beine aus und freue mich auf die Fahrt nach Köln. 19 Euro habe ich bezahlt. Während wir in das diesige Grau des Tages hineinfahren, schaue ich dem Zug der Deutschen Bahn hinterher, der immer noch am Gleis steht und die markenbewussten Hamburger in sich aufnimmt.

Osnabrück

Der junge Mann im Abteil hat seit Hamburg noch kein einziges Mal von seinem Smartphone aufgeschaut. Seit zwei Stunden leuchten seine Augen und er lächelt seeliger als jedes Marienbild. Es gibt nur zwei Erklärungen: Chat mit seiner großen Liebe oder Candy Crush.

„Wir fahren durch Osnabrück und er kriegt es wegen seines Smarthones nicht einmal mit“, denke ich. Der andere Mann im Abteil schläft. Bin ich eben der Einzige, der die Durchfahrt zu würdigen weiß. Ich schaue aus dem Fenster, aber mir bleibt nichts in Erinnerung, außer grauen Wolken über grauen Häusern.

Münster

Die Sonne scheint. Ich müsste den Satz nochmal schreiben. Die Sonne scheint. In Münster. Eine junge Frau aus dem Nachbarabteil hatte sich mit einem Bekannten am Bahnhof verabredet. Nun hängt sie aus dem Fenster und unterhält sich mit ihm. Mir fällt auf, dass Liebende sich in ICEs keine Abschiedsküsse mehr aus den Fenstern geben können. Ob es deswegen so ein Gedränge vor den Türen in Hamburg gab?

Die Frau unterhält sich mit dem Mann über Glühweinstände und Pferde. Smartphone-Boy verlässt den Zug. Der Schlafende und ich fahren weiter.

Essen

Kleine Hochhäuser und eine Moschee aus Beton. Wie eine Festung, schmutzig, belagert, monumental steht das Gotteshaus am Rand. Ein grüner Halbmond leuchtet auf der Kuppel wie eine Neonreklame.

So sieht er also aus, der Euroislam.
Ob Allah wohl über die Einfalt seiner türkischen Gläubigen lacht, die sein Haus mit dem Symbol eines osmanischen Sultans krönen?

Duisburg

Der Horizont besteht aus Stahlskeletten. Lagerruinen mit eingeschlagenen Scheiben auf leeren Feldern. Ob aus den Scherben Glaswälder wachsen? Was die Menschen, die einst dort arbeiteten wohl jetzt machen?

Der Zug fährt ab. Drei Männer stehen an der Spitze des Bahnsteiges und filmen jeder für sich den Zug bei seiner Abfahrt. Ich winke. Tagebucheintrag des unbekannten Duisburgers, Samstag, 17.12.2016: Heute war ein außergewöhnlicher Tag. Ein Fahrgast des HKX-1805 hat gewunken.

Düsseldorf

Die besten Graffiti bislang auf der Strecke. Hier leben Bürgersöhne mit ausreichend Zeit und wenig Sorgen.

Köln

„Boomtown Schanzenviertel“ Erstes Plakat, was der Ankommende zu sehen bekommt. Der Zug hält mitten auf der Rheinbrücke. Am linken Ufer leuchtet die Stadt, am rechten Ufer leuchten nur RTL und Vox. Vor mir funkeln unzählige Schlösser am Brückengeländer. Ein Schloss als Liebessymbol ist wie die Rückkehr des Keuschheitsgürtels aus dem Mittelalter. Die Turmspitzen des Kölner Domes verschwinden im Nebel. „Cologne will always love you“, prangt es über dem linken Ufer. Zeit, auszusteigen.

 

Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung

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