Der nette Schaffner


MGB abfahrbereit in Göschenen

Die Matterhorn-Gotthard-Bahn (MGB) abfahrbereit in Göschenen

Ich war kapp in der Zeit, war morgens nicht recht „aus der Tonne“ gekommen – und ich hatte noch nicht einmal eine Fahrkarte: Die ErlebnisCard, eine Zweitageskarte für Bus und Bahn wollte in Brig (Wallis, Schweiz) noch gekauft werden. Am Schalter der Schweizer Bundesbahnen (SBB) standen noch fünf Leute vor mir. Wie können die binnen sieben Minuten bedient werden? Ich werde meinen Zug verpassen …

Unerbittlich arbeitete sich der Sekundenzeiger auf der großen Bahnhofsuhr im Reisezentrum vor. Er glitt nicht über das Ziffernblatt, sondern sprang von Ziffer zu Ziffer um zur vollen Minute eine kleine Rast einzulegen. Und schon wieder war er wieder einmal oben angekommen. Die Rast – und schon wieder hiess es für den großen Zeiger „Auf!“ in eine neue Runde. Ich trippelte derweil in der Warteschlange.

Die Reihe vor mir wurde und wurde nicht kürzer, doch schon kam ein weiterer SBB-Mitarbeiter und öffnete einen weiteren Schalter. Ich saß auf heißen Kohlen. Dann kam noch ein weiterer Mitarbeiter. Die Schlange baute sich langsam aber beständig ab. Endlich war ich an der Reihe und trat vor den Tresen der SBB-Mitarbeiterin. Das sich Minuten in Warteschlangen stets wie Unendlichkeiten anfühlen müssen …

2015-10-plakat

„Murmeli“: Wer die Augen offen hält, kann sie in den Bergen entdecken. Nicht nur auf dem Werbeplakat.

„Guten Morgen“ – ich legte sofort los: „Einmal ErlebnisCard, zwei Tage, bitte!“ Die Franken hielt ich dabei schon parat. Sie verstand sofort und tippte wild am Rechner herum. Der Drucker spuckte ein kleines Papier aus, die Karte. Sie reichte mir diese über den Tresen „Gerne! Und gute Reise!“.

„Wie entwerte ich die Karte?“ fragte ich noch. „Oder macht das der Schaffner?“
„Ja genau, der Schaffner macht das!“

Die Karte verschwand schnell in meiner Tasche. Ich grüßte zum Abschied.

Ich raste über den kleinen Bahnhofsvorplatz, dann über den Bahnsteig und sprang hinauf in den ersten Wagen Richtung Zermatt. Verflixt, ich war im Fahrradwagen gelandet. Egal – Hauptsache drin! Zum Glück wollten heute nicht so viele Touris das Matterhorn per Mountain-Bike erklimmen. So bereitete es mit keine Mühe zwischen den Drahteseln hindurch in den nächsten Wagen vorzudringen. Glück muß der Mensch haben. Ich landete direkt im Panorama-Wagen, den nur eine japanische Kleinfamilie in Beschlag genommen hatte. Freie Platzwahl, wunderbar.

Es war geschafft. Der Zug fuhr nicht ohne mich ab. Der Schweiß rann mir von der Stirn. Ich setze mich, schaute auf die Uhr: Abfahrtszeit! Doch es rührte sich nichts. Kein Pfiff, kein Rad drehte sich. Ich schaute irritiert auf die Bahnhofsuhr, dann auf die Anzeigetafel: 8:37 Uhr. Es waren tatsächlich noch drei Minuten bis zur Abfahrt! Wofür dann die ganze Eile? Entspannt lehnte ich mich zurück.

Brig, Perron 11

Am kleinen orangen Kasten hätte ich die Karte entwerten sollen.

Der Schaffner kam herein, ein Mann in schmucker grauer Uniform mit rotem Emblem der Matterhorn-Gotthard-Bahn. Darunter ein weißes Hemd ohne Krawatte. Sein Gesicht war durch viele Sonnenstunden tief braun gegerbt. Ich fragte sicherheitshalber nach der Entwertung der Karte. „Noi, da hätt’s an orangenen Kaschten am Perron …!“, meinte er. Ich überlegte blitzschnell: Eine Minute vorlaufen, das Ticket entwerten aber dafür den vielleicht Zug verpassen. Das würde sicherlich reichlich knapp. Die nächste Fahrt wäre in 60 Minuten. Eine Stunde ist Zuhause wenig, da hat man Zeit. Aber im Wallis ist es doch ein Unterschied, ob man sich auf einem Bahnsteig langweilt oder das Bergpanorama mit Matterhorn geniest. Doch der Schaffner meinte cool, ich solle die Entwertung in Visp – zwei Stationen weiter – erledigen. Das sei doch kein Problem!

Kurz vor Visp stand ich schon fertig angezogen und mit Tagesrucksack auf dem Rücken sowie gezückter ErlebnisCard an der Waggontür. Wer weiss, wo man den orangen Kasten wieder hinmontiert hat. Vielleicht muss ich erst die Treppen runter, «dängeln» und dann wieder hinauf? Die Gedanken schossen mir durch den Kopf und ich war startklar für den Sprint! Pool Position! Ready to go!

Channa in Brig

„Der letzte Zug – fährt immer“ – Alles klar!

„Wir haben vier Minuten Aufenthalt …“ rief der Schaffner mir zu. „ … da ist die Entwertung doch wohl zu schaffen.“ Und so war es dann auch. Der Zug rollte langsam aus, langsam, ganz langsam zog der gesuchte orange Kasten auf dem Bahnsteig an der Tür vorbei, der Zug stoppte. Drei Schritte links und ich «dängelte» und die Anspannung schlagartig wieder abfiel. Ich stieg wieder ein. „Nächstes mal stehe ich doch eher auf!“ schwor ich mir im Stillen!

Wieder auf der Strecke kam der Schaffner, zwinkerte mir zu kontrollierte die nun korrekt entwertete Karte. „Ordnung muß sein!“ Er wünschte mir noch eine gute Reise und einen schönen Tag.

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3 Gedanken zu „Der nette Schaffner

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