Der junge Fecht-Star


2015-06-bhf-maIn letzter Minute sprang ich in den EuroCity, die Türen schlossen sich, als ich gerade die Stufen verlassen hatte. Geschafft! „Und ab dafür!“ Gen Heimat! In Karlsruhe hatte ich den Schweizer EC 6 nach Hamburg erreicht, der mich ohne weiteren Umstieg bis zum Heimatbahnhof bringen würde. Die längere Fahrzeit über die linksrheinische Strecke würde ich aufgrund der anhaltenden Aufräumarbeiten nach einem schweren Unwetter in der Nacht gerne in Kauf nehmen, sitze ich doch im EC warm und trocken.

Schon die Anreise war eine einzige Katastrophe gewesen: Der IC aus Hamburg hatte wie so oft leichte Verspätung , der Anschluss ICE in Köln würde wahrscheinlich nicht erreicht werden. So blieb ich bis Mannheim gleich sitzen und gondelte über die alte linksrheinische Strecke – das gab wieder extra gratis Bahnminuten! Da aufgrund des Unwetters im Norden kein Fernzug kam, ging es von dort dann per S-Bahn – die unterwegs auch noch einen elektrischen Fehler hatte, dann aber selbstständig weiterfahren konnte – weiter nach Karlsruhe. Mehr als eineinhalb Stunden Verspätung waren das Ergebnis.

Nun ging es nach einer langen und anstrengenden Sitzung zurück nach Hause. Gleich in der ersten Sitzreise des Großraumwagens fand ich einen freien Platz und lies mich in den Sessel fallen: „Was für ein Tag!“

Heute mal pünktlich …!

Heute mal pünktlich …!

Mir gegenüber saß ein junger Mann mit dem ich über seine zahlreichen Gepäckstücke ins Gespräch kam. „Ich bin Alphornbläser … !“ meinte er keck. „Nein, …“ korrigierte er sofort „… ich bin Fechter und reise ins Fecht-Leistungszentrum nach Bonn.“ Er nannte ein Fachwort an das ich mich nicht erinnern kann aber „Leistungstraining für angehende Fecht-Superstars“ dürfe es wohl treffen.

Seine Mutter und seine Schwester hätten ihn gerade zum Zug gebracht. Ja, das waren die beiden Herrschaften, die ich beim Spurt zur Waggontür beinahe nicht wahrgenommen hatte und fast umgelaufen hätte, da sie direkt vor der offenen Tür mit dem sprichwörtlichen weissen Taschentuch treusorgend ihr Familienmitglied verabschiedeten.

In Mainz stieg noch eine Studentin auf ihrem Weg nach Hamburg zu und der junge Mann hatte direkt meinen Platz an sie vergeben. Aber es gab noch andere Plätze … Unvermittelt begann sie nun mit dem angehenden Sportstar zu flirten. Ich schloss die Augen, lehnte mich entspannt zurück und wartete auf das, was der Tag noch zu bringen vermochte.

Die Worte und die Kilometer flossen nur so dahin und vor Bonn, fast schon in Sichtweite des Bahnhofs packte der Fechter sein mitgebrachtes Brötchen aus und biss genüsslich hinein. Wieso wurde ich nun unruhig? Würde ich meinen Ausstieg verpassen weil ich mein Brötchen zur Unzeit anbiss? Die Jungend heute, die hat die Ruhe weg!

„Sehr geehrte Damen und Herren, wir befinden uns in der Anfahrt auf Bonn Hbf …“

Der Fechter verabschiedete sich anständig von uns, biss ein letztes mal in Brötchen, sprang behend auf, schnappte sein Gepäck und war schon an der Waggontür Tür, als der Zug noch bremste.

Und ich rief ihm noch lachend nach „Und gewinnen Sie für Deutschland!“. Er grinste zurück „Klaro!“ und entschwand auf der Treppe.

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