Von der Psychologie des Reisens


Mein Nachbar schnappte seinen schwarzen Rollkoffer am Griff, ging über unsere kleine Dorfstrasse und läutete bei mir an. Seine Wünsche für die Zeit nach der Abreise waren schon länger besprochen: Mülltonne am „Mülltag“ raus- und abends wieder reinstellen, die Zeitung aus dem Postkasten nehmen und den Garten, besonders aber die Blumen in den Töpfen wässern.

Ich öffnete die Haustür. Er wolle sich verabschieden, sagte er, zuvor nochmals an seine Wünsche erinnern. Er sei gut in der Zeit, meinte der Nachbar, und erzählte von diesen sonderbaren Gefühlen eines Hausbesitzers am Vortag der Reise. Wochenlang hatte er den Bergtouren entgegen gefiebert, akribisch Fahrpläne der Bahn, Hotelangebote und die Fahrpläne und Tarife der Bergbahnen im Internet studiert. Dabei sei täglich die Vorfreude gewachsen. Doch justament am Vortag der Reise plagte ihn die Unlust. Zuhause sei es doch auch schön meinte er. Wieso eigentlich verreisen? Zudem: an was man alles denken und vorher erledigen muss. Blumen nochmals giessen, Regentonne mit dem Schlauch füllen, sind die Türen fest verriegelt? Ist wirklich alles eingepackt? Ist das  Bügeleisen aus? Nein, er würde langsam zu alt für diesen „Pre-Reisestress“, meinte er. Zuhause sei es doch auch schön – „Wo will ich denn nur wieder hin – und wieso?“ sprach‘s. Wir standen noch immer bei offener Haustür als er nach unserem kleinen Schwatz reflexartig auf die Armbanduhr schaute. „Oh, jetzt muss ich aber – der Bus wartet nicht!“ Ich wünschte eine gute Reise, eine schöne Zeit. Dann rief ich ihm nach, er solle sich keine Sorgen machen, ich würde mich um alles kümmern – während seiner Abwesenheit … er entschwand winkend hinter der nächsten Häuserecke.

Kapelle Bettmeralp

Kapelle Maria zum Schnee, Bettmeralp

Nach einer Woche bekam ich eine Postkarte aus der Schweiz: er sei gut angekommen, er beschrieb die wunderbare Bergwelt und traumhafte Touren und überhaupt: wie schön es doch sei. Der Urlaub dürfe nie zu Ende gehen – er sei stets zu kurz! Kein Word mehr vom Pre-Reisestress! Derweil war es wirklich Sommer geworden und wir ächzten unter den 35° C. Die Trockenheit war arg, ich schleppte meinen Großregner in seinen Garten und verwandelte ihn über Nacht in eine Sumpflandschaft. Am Morgen schleppte ich Giesskannenweise das Wasser zu den Blumentöpfen auf seiner Terrasse. Ich dachte an Nachbars schöne Bergtouren und beneidete ihn ein klein wenig um die wahrscheinlich angenehme Kühle der Berge.

Drei Wochen später kam er aus dem Urlaub zurück und berichtete auf seiner Terrazza bei einem Glas Bier von seinen Touren. Es war hoch … – weit – … kühl: Regen, Schnee (im Sommer!) Nebel, …es war faszinierend seinen Erzählungen zu lauschen. Er schwärme so von „seinen“ Bergen und wie schön es doch gewesen sei. Schon setzte er an zu neuen Ideen und Touren und was man im nächsten Jahr alles unternehmen könnte … gar kein Wort mehr vom Pre-Reisestress!

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