Sieben Kinder, 13 Socken, 15 Schuhe und ein SmartPhone


2014-09-wallis

Dunkle Wolken hingen tief über dem Wallis …

Letzten Sommer war das Wetter in der Schweiz grauslig: über der Adria lagen immer neue Tiefdruckgebiete, saugten sich voll dort voll Wasser und verwandelten Norditalien und die Südschweiz in ein einziges großes Planschbecken. Andreas wartete schon seit Wochen auf ein Wolkenloch, denn er saß wie auf heißen Kohlen, da sein Halbtax ablief. Aber er wollte diesen Urlaub noch unbedingt erleben: einmal mit der Bahn über den Gotthard Richtung Brig reisen, bevor der Gotthard-Basistunnel fertig gestellt wird. Auf die Tour freute er sich schon seit Monaten.

An einem Sonntag im August reist er endlich und die Wolken hingen noch bedrohlich tief über den Bergen. Nachmittags, kurz hinter Andermatt stiegen immer mehr Wochenendausflügler in den Zug. Es war kalt und feucht draussen und die Reisenden pellten sich im Waggon aus ihrer nassen Wanderkluft. Der Wagen füllte sich und Andreas raffte seine sieben Sachen zusammen, schaffte Platz. Unvermittelt stand ein rd. 35 Jahre alter braungelockter Typ vor ihm und fragte nach dem Plätzen neben und gegenüber von Andreas. Er sprach kein reines hochdeutsch, der Zungenschlag war jedoch eindeutig britisch. Hinter ihm tauchten Kinder auf – immer mehr und mehr Kinder und Andreas hörte auf, bei fünf Kindern zu zählen. Ein weiterer blonder Mann setzte sich ebenfalls gegenüber und schob „Little Ruthy“ zu „Tom“ (beide im KiTa-Alter) auf die Plätze gegenüber Andreas.

Steine bergen aus dem Gletscherbach – eine wahre "cold water challenge"!

Baden im Gletscherbach – eine wahre „cold water challenge“!

Den Kindern war langweilig, sie zogen die schweren Schuhe aus, manche auch die Socken … Tom schlief sofort ein – der wohl lange Tag forderte seinen Tribut. Die blond gelockte Ruthy hatte ein kleines Dirndl an und sah mit Ihren dicken Wanderstiefeln aus wie eine kleine „Heidi“. Sie wären zum Ziegen streicheln gewesen. Denn bei Andermatt könnte man eine Ziege ausleihen und sie – wie einen Hund – einen Tag lang Gassi führen. Das wäre ja sooooo toll gewesen! Kurz darauf begann die wohl gerade fünfjährige mit einem Bein zu wippen und schlug dabei jedes mal vor Andreas Schienbein. „Stopp kickin‘ on my leg, please!“ radebrechte Andreas. „Little Ruthy“ verbesserte reflexartig: „Stopp kickin‘ at my leg!“ Der Braungelockte klärte die Situation sofort, entschuldigte sich im Namen des Kindes für die doppelte Ungezogenheit der Tochter und fragte bei der Gelegenheit gleich, ob man die Steckdose hinter Andreas für sein SmartPhone nutzen dürfe. Das E-Ticket sei darauf und ohne Strom befürchtete er mangels Ticket aus dem Zug geworfen zu werden – „Bitte sehr!“.

Wallis, hinter AndermattDer Zug schaukelte unendliche Zeiten durch das Wallis, Station nach Station wurden Richtung Brig abgespult. Hinter Bitsch, der vorletzten Station vor Brig, kommentierte der braungelockte Chef der Truppe: „Socken an, dann auch die Schuhe, wir steigen gleich um!“ Alle sieben Kinder versuchten nun ihre Socken zu finden. Es gelang fast allen. Andreas grinste, wie nur ein kinderloser Mann diese Szene interpretieren kann und dachte bei sich: „Dieser Kelch ging an mir vorüber!“ „Little Ruthy“ suchte noch immer nach ihrem Socken und fand ihn nicht. Tommy hatte dafür eine doppelte Sochenschicht an. Der Zug lief in Brig ein und der Chef kommandierte: „Wir steigen um, die Socken können wir im nächsten Zug sortieren!“. Andreas setzte nun noch «einen drauf»: „Sie haben alle Socken, Schuhe, …?“ Der Braungelockte unterbrach, sichtlich an der Grenze der Belastbarkeit: „Socken und Schuhe sind doch egal. Hauptsache wir haben alle Kinder dabei!“ Darauf Andreas: „… und das SmartPhone?“ Er reagierte sofort: „Das SmartPhone – natürlich, danke! Ich hätt’s glatt vergessen!“ drehte sich um und zog es samt Ladegerät aus der Steckdose.

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