Der IC lernt schwimmen


Es muss kurz nach der Wende gewesen sein, unser Büro war schon nach Berlin verlegt worden, als ich mich wieder einmal nach Dunkeldeutschland aufmachte, wie wir die neuen Bundesländer damals humoristisch nannten.

Wochenlang hatte es in jenem Frühjahr geregnet und die Elbe führte einmal wieder Hochwasser. Nicht nur an den allseits medienbekannten Stellen bei Dresden und im Elbsandsteingebirge, nein auch im flachen Land bei Magdeburg war sprichwörtlich „Land unter“.

Elbhochwasser 1989

Elbhochwasser 1989

Die neue Schnellfahrstrecke von Berlin nach Hannover war noch nicht fertig gestellt worden und so schlich unser „Luxuszug“ über den alten Interzonen-Schienenweg. Das Wasser stand rund 50 cm über den Schienen, mehr als das halbe Rad des Zugs war also unter Wasser und die Fahrt durch die „Magdeburger Seenlandschaft“ war ein wirkliches Abenteuer! Niemand der Fahrgäste wußte, ob die die maroden Bahndämme nicht unterspült waren, ob sie noch tragfähig genug waren, den Zugverkehr aufzunehmen.
So fuhren wir „im Schleichgang“ mit vielleicht 5 bis 10 Kilometer pro Stunde über die Strecke und das „mulmige Gefühl“ machte sich breit. Im Großraumwagen fragte jemand den Schaffner, ob das nicht gefährlich sei. Er lächelte nur und meinte „Iwo, letzte Woche waren die Gleise noch da!“ Uns blieb das Lachen im Hals stecken.

Der Blick nach draussen war desillusionierend: im strömenden Regen verschwammen am Horizont Himmel und Wasser im Einheitsgrau. So musste sich damals Noah in seiner Arche gefühlt haben: weit und breit kein Baum, kein Strauch sichtbar und scheinbar verloren auf offener See. Wobei Petrus bereitwillig seine Himmelsschleusen weiter und weiter öffnete – aber auch wirklich alle Himmelsschleusen! Wir wünschten uns nun eine Taube, die wir auf Landsuche senden würden. Möge sie ein Ölzweiglein bringen, oh man gäbe ein Königreich für nur ein Ölzweiglein!

Schliesslich weckte mich eine Durchsage des Schaffners aus meinen lethargischen Gedanken: „Die Lok stoppt sofort, sollte dem Lokführer etwas komisch vorkommen oder die Lok sich in einer nicht existierenden Kurve etwas neigen. Wir müssten dann zurück – wir wissen nur noch nicht wie.“ und schon ging es in englischer Sprache weiter: „Ladies and Gentlemen, the high-water is the ground for our delay from twenty minutes. Please be sorry for that!“

Wir ergaben uns in unser Schicksal und harrten darauf das andere „Ufer“ zu erreichen. In Berlin kamen wir zu unserer Verwunderung nahezu pünktlich an. Offenbar wussten die alten Reichsbahner in ihrer langjährigen Erfahrung genau was sie taten – aber ein paar Angsthasen vorführen und ihnen einen gehörigen Schrecken einjagen, das konnten sie auch!

Fotos (2): © Werner Falkhof (Orignale aus dem Jahr 1989!)

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