Zurück aus Ravenna


An einem herbstlichen Sommertag wollten wir von München nach Innsbruck radeln. So kamen wir am traumhaften Starnberger See vorbei, bewunderten die Villen am See und bogen schliesslich Richtung Berge nach Süden ab.

Schon am Fuß der Berge stöhnten die ersten und unser Radlmeister überlegte am „Plan B“. Die Motivation kriselte erheblich, als wir einige Kehren unter uns einen Trupp Schüler sahen. An ihren Holland-Rädern hing einiges Material: Schlafsäcke, Zelte und ein Kochtopf baumelte bei jeder Umdrehung scheppernd am Radl. Wir stemmten uns mit aller Gewalt in die Pedalen, doch es half nichts, die Verfolger kamen näher und näher. Wir klebten scheinbar auf der Stelle, quälten uns den elenden Berg herauf, während sie nur so den Berg herauszufliegen schienen. Das Scheppern des Kochtopfes wurde lauter und lauter, je näher sie kamen. Schließlich überholten sie uns grüssend und schon waren sie weg. „Gegen die Jugend“ schnaubte Harald „Gegen die Jugend kann ’ste nicht an!“. Auf der Höhe angekommen machten wir eine kurze Stehrast. Als neues Etappenziel einigte man sich auf Mittenwald. Das würde auch sparen, denn man müsse so für den Rücktransport nach München nicht den „Internationalen Fahrradtransport“ zahlen, sondern nur die nationale Regionalbahn-Fahrkarte. Bei fünf Rädern – das macht Sinn. Erst am späten Nachmittag erreichten wir den Bahnhof Mittenwald und bestaunten das vielleicht 100 Jahre alte Stellwerk mit seinen Seilzügen, Rollen und Seilschellen.

Die Werdenfelsbahn bei Mittenwald

Die Werdenfelsbahn bei Mittenwald

Der Regionalbahn aus Innsbruck kam pünktlich und flugs waren unsere Räder verladen. Im Fahrradabteil stand schon ein Rad, der Radler grüßte freundlich. Sein Mountainbike trug das Nötigste und man sah ihm und seinem Besitzer seine lange harte Tour an. Der Radler trug eine kurze Radlerhose, die farblich zum Trikot passte. Seine Mittellagen kastanienbraunen Haare umkränzten sein freundliches Gesicht, das von der Sonne gebräunt war.

Kaum saßen wir, begann das Woher und Wohin. Er käme aus Ravenna – „Bitte woher?“ wir staunten ungläubig. Er würde in München wohnen, sei Italiener und hätte die Eltern in Ravenna an der Adria besucht – mit dem Rad! Eine Woche wäre er hingefahren – und bitte nicht über den „Luschen-Brenner“ (1.300 Meter Passhöhe), wie er sagte, sondern über das Timmelsjoch (rd. 2.500 Meter Passhöhe). Wir staunten ungläubig.

Der Brenner, OK das gehe ja noch, aber das Timmelsjoch – Hammer, meinte er! Und zudem nur Regen in Deutschland – gräuslich sei die Hinfahrt gewesen. In Bella Italia wäre hingegen brauchbares Wetter gewesen. Alles hätte seine Zeit im Leben. Jetzt, ohne Frau und Bambini, könnte man solche Touren noch fahren. Hätte man erst ein Haus gebaut, hätte man dafür keine Zeit mehr. Wir waren schon in der Haus-Phase und stimmten leidvoll zu.

Eine Woche lang hätte er sich bei Muttern mit Pasta & Co aufpäppeln lassen. Dann wäre er wieder Richtung München gefahren. Und ab dem Brenner – das „Mörder-Timmelsjoch“ bräuchte er nicht noch mal – hätte es wieder nur geregnet. Ohne Unterlass. So wäre er in Innsbruck entmutigt in den Zug gestiegen und hätte sich die Pein erspart.

Die Reise von Mittenwald nach München dauerte damals rund eine Stunde. Mit den Reiseerzählungen „unseres Italieners“ kam es uns vor wie 15 Minuten. Im nächsten Jahr – meinte er – würde er wieder los müssen: mit dem Rad nach Ravenna!

Dank

Foto: „Werdenfelsbahn“ © Alwine Weisshuhn

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