„Du hast die Haare schön!“


An einem schönen Wochenende Anfang Dezember lugte die Sonne durch die Wolken. Sie lagen sonst wie eine zähe breiige Masse über dem Land, in dem es nie so richtig hell wurde. Doch heute war es erheblich freundlicher.

Mit langjährigen Freunden hatten wir „gekartelt“ und es war spät geworden. Anderntags schaukelte mich der RE über Mönchen-Gladbach halbschlafend nach Hause. In Mönchen-Gladbach stand der Bahnhof voller Menschen. Fußballfans waren auf dem Rückweg nach Bielefeld. Auf der Strecke begannen die Fans zu singen „Oh, wie ist das schön …“. Schon hinter Duisburg startete die Polonaise durch den Waggon: unten in Fahrtrichtung, oben entgegen. Offensichtlich hatte man gewonnen.

Dorfbahn

Eine andere Dorfbahn „auf Strecke“

Die Schaffnerin tauchte auf und versuchte den Wahnsinn in geordnete Bahnen zu leiten: „Die Fahrkarten bitte!“ Sie war rund 1,70 Meter groß und hatte eine blonde Haarpracht, wie das leibhaftige Christkind: Ihre kleinen blonden Locken fielen schulterlang über die dunkelblaue Uniform. Sie war an diesem schönen Samstag nicht wirklich die richtige Person am richtigen Platz und schon begann ich aufgrund der lauten und „aufgedrehten“ Menge an Fans mit ihr Mitleid zu bekommen, aber „Dienst ist eben Dienst“!

Die Fangesänge starteten wieder und ich ertappte mich dabei mit dem Herrgott zu hadern, in welche hirnlose Diaspora er mich entsendet hatte. Meine unchristlichen Gedanken wurden durch das erneute Erscheinen der Christkindl-Schaffnerin unterbrochen. Die Fangesänge stoppten und aus dem „Obergeschoß“ tönte es nun „Du hast die Haare schön, Du hast die Haare schön, Du hast die Haare schööööhhhn …“. Der ganze Fanblock stimmte nun ein. Den kollektiven Wahnsinn quittierte sie mit einem großen, breiten Julia-Roberts-Lächeln und entschwand im nächsten Waggon.

Auch als sie eine gute halbe Stunde wieder erschien, wurde sie wieder durch den Fangesang „geehrt“. „Du hast die Haare schön, Du hast die Haare schön, Du hast die Haare schööööhhhn ….“ Ihrem Lächeln tat das keinen Abbruch, ganz im Gegenteil, man konnte ihm ein Quentchen Freude entnehmen. Trotzdem tat sie mir nun etwas leid, hätte sie nicht auf eine nett-artige Senioren-Reisegruppe aus Wanne-Eickel treffen können und diese nach Hause begleiten dürfen? Das Leben ist manchmal doch ungerecht!

DANK

Bannerbild: © Jürgen Ehlers; Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung.

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