Berührungspunkte mit der Zwischenwelt


Vorletzten Winter standen wir nachmittags frierend im Düsseldorfer Hbf. Auf dem Bahnsteig rollerten zwei mehr als auffällige junge Damen mit ihren Köfferchen einher: die Jüngere, mausgrau und so rund Anfang 20, schaute ein wenig müde aus der Wäsche. Die Ältere, augenscheinlich schon bald die Lebensmitte überschreitend, stolzierte gekonnt auf High-Heels, wobei das „High“ tatsächlich ernst zu nehmen war, über den winterlichen Bahnsteig. Ich wunderte mich, wie diese Frau auf den wahrscheinlich waffenscheinpflichtigen Mordinstrumenten senkrecht laufen und dabei ohne zu wanken einen pinklackierten Trolley nach sich ziehen konnte. Der Stil ihrer ausgesprochen eleganten Fahrwerksausstattung wurde vom darüber getragenen ledernen schwarzen Miniröcken mit anschließender Lederkorsage ein wenig getrübt. Sie hätte damit besser auf eine Bühne gepasst – aber vielleicht war sie ja genau dahin unterwegs. Wer weiß! Der Stilbruch wurde nach oben von einem kurzen offenen pink-plüschigem Teddyjäckchen abgeschlossen mit dem sich ihre langen blonden Locken nicht wirklich gut vertrugen. Das sonstige Bahnhofsvolk trug selig lächelnd neue große Blumenkübel, Gießkannen oder Plastikwannen durch das Bahnhofsgelände. Wir waren, gelinde gesagt, erstaunt. Eine junge Dame schleppte schwer an einem Blumenkübel, den sie kaum umfassen konnte. Neugierig geworden wollten wir wissen, wieso man derartige Gerätschaften, die saisonal ja eher deplatziert wirkten, durch den Bahnhof schleppe. Die junge Dame, erfreut über die Aufmerksamkeit und vielleicht etwas verärgert über die das ausbleibende Hilfeangebot, lächelte und meinte nur kurz „Iss halt K-Messe!“.

Ich: „Bitte, K-Messe?“ und schaute sie mit großen Augen an. „Ja klar, Kunststoff-Messe!“ erwiderte sie. „Und diese riesen Teile krieg‘ste gratis. Die Firmen testen die Funktion ihrer Maschinen. Vorne Pulver rein, hinten Teil raus.“ „Ach so, aehem so so, ja danke!“ «Testen» und «Pulver» passten nicht so ganz in meinen Horizont, Kunststoff-Granulat und Demonstration der Maschinenfunktion wäre als Erklärung der Sache vielleicht etwas näher gekommen. Aber was machte das schon. Es tat ihrer Freude über den riesigen Gratis-Monster-Blumenkübel keinen Abbruch. Jedenfalls ist es doch ein cleverer Promotiongag der Firmen mit ein wenig Granulat und einer wahrscheinlich sündhaft teuren Kunststoff-Spritzguss-Maschine vom Ausmass eines Containers in einer Stadt so viel Freude zu stiften. Mehr Freude kann wahrscheinlich nur noch das Christkind bringen …

ICE im BahnhofIm ICE nach München über Frankfurt Flughafen begegneten wir dem pink-plüschigen und mausgraue Pärchen durch Zufall wieder. Es saß uns im Großraumwagen am Konferenztisch jenseits des Gangs gegenüber. Und ja, man käme auch von der K-Messe, hörten wir. Die jüngere Dame, anscheinend geschafft von den Anstrengungen, blieb die Reise über eher still. Die pink-plüschige übernahm die Konversation.

Auf wohl halber Strecke nach Frankfurt wollte sie von dem fast gleichaltrigen neben ihr sitzenden Herrn den Zuglauf wissen – man müsse weiter nach Freiburg. Dieser war sichtlich von der Situation überfordert und begann etwas betreten lange blonde Jahre von seinem dunklen Pullover zu sammeln. Aber ein Gedankenblitz brachte ihm die Rettung. Er fragte kurzerhand meine Kollegin, die neben ihm saß und gerade den „schriftlichen Zugbegleiter“ studierte. Sie gab ihm Auskunft und er wiederholte brav die Antwort seiner plüschigen Nachbarin zugewandt. Mir schwante schon was kommen würde und ein Grinsen huschte über mein Gesicht. Nach und nach stellte die Plüschige weitere Fragen hinsichtlich der Zug-Verbindungen an den Herrn wobei sie ihn mal mit dem Ellbogen anstiess, mal sanft berührte und einmal gar seinen Unterarm tätschelte. Und so wurden die Fragen und Antworten weitergegeben, von der Plüschigen an den Herrn, vom Herrn an meine Kollegin, von meiner Kollegin an den Herrn und zu guter Letzt vom Herrn an die Plüschige.

ICE InnenDie pink-plüschige war in die Offensive gegangen – und sie konnte, beäugt von der jungen mausgrauen Kollegin, wirklich mit Männern umgehen! Respekt! Meine Kollegin stiess mich mit dem Ellbogen an und zischte nahezu unhörbar „Akquisition!“. Wir lächelten uns an. Nie zuvor hatte ich einen Mann einem Vamp so hilflos ausgeliefert gesehen. Ich fühlte Mitgefühl in mir aufsteigen.

Als Hoffnungsschimmer und Rettungshafen für den „armen Mann“ nahte der Bahnhof Mannheim Hbf, wo die pink-plüschige und ihre graue-Maus-Begleiterin in den Zug Richtung Basel wechseln wollten. Und so stöckelte sie zum Zug hinaus, wobei das arme umgarnte Opfer natürlich beim Gepäck behilflich war. Die mausgraue Kollegin folgte wortlos.

Unser Zug war noch nicht aus dem Bahnhof ausgefahren, als sich «der Arme» echauffierte: „Haben Sie das gesehen, das waren doch bestimmt Professionelle!“ stieß er etwas geringschätzig aus. „Ja sicher …“ erwiderte ich zwinkernd „… am liebsten wären Sie doch mit ausgestiegen!“ Der halbe Waggon wieherte vor Lachen und unser „armer“ Mann suchte sich einen anderen Platz zum Schmollen.

Frei nach Ilkas Erlebnissen und Dank an Herrn W. für‘s Helfen.

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