Von Profis und Amateuren


ICE 3 in Münster HBfDie Reise von Berlin Richtung Westen ist an einem Freitag Nachmittag sicherlich nicht vergnügungssteuerpflichtig. Menschenmassen pressen sich am Hauptbahnhof in den ICE und belegen die raren nicht reservierten Plätze mit ihrem Gepäck gleich sitzreihenweise. Sie werden es bis Spandau doch in der Gepäckablage verstauen, damit sich andere Reisende setzen können, denn freitags bleibt kaum ein Sitz ungenutzt.

Profis staunen bei dem Gewusel. Sie waren schon im Ostbahnhof zugestiegen, wo der Zug in der Regel 20 Minuten vor Abfahrt bereit gestellt wird. Sie gehen dort zum Wagenstandanzeiger und besteigen den Waggon an der richtigen Tür. Denn ein Zug ist kein Adventskalender: alle Türen dürfen gleichzeitig geöffnet werden! Im Waggon wählen sie den letzten freien und nicht reservierten Platz an einem Tisch, deponieren darauf ihren Kaffee und das ebenfalls mitgebrachte Brötchen. Anschliessend verstauen sie in aller Ruhe ihr Gepäck und widmen sich dem Imbiss mit der gebührenden Aufmerksamkeit.

ICE3 InnenraumSobald der Zug aber im Hauptbahnhof einläuft, bricht das Chaos aus. Die Amateurre fluten den Waggon, verscheuchen Mitreisende von den Plätzen um sofort drauf festzustellen, dass sie sich im Waggon 21 befinden, aber im Waggon 26 reserviert haben. Von einem Wagenstandanzeiger haben sie nie gehört und könnten auch nicht viel damit anfangen.

So ziehen sie von dannen, nicht ohne den Profis aus die Füsse getreten oder zumindest ihnen gar den Ellbogen, also jenen schwerzhaften «Musikknochen» mit dem viel zu großen Koffer, der auch einen ganzen Hausstand fassen könnte, achtlos ramponiert zu haben. Eine Entschuldigung darf der Profi hingegen natürlich nicht erwarten.

Wenn dann endlich fast alle Amateure einen Platz gefunden haben, bleibt ein kleines Häuflein unentwegter Amateuere zurück, die noch die Waggongänge hinauf und herunter eilen, in der Hoffnung eine eigene Sitzreihe für sich alleine zu finden. Profis denken sich dann gleichmütig ihren Teil, denn dieses Ansinnen ist an einem Freitag Nachmittag ein aussichtsloses Unterfangen. Oder wie es ein Vater seinem vielleicht achtjährigen Sohn beibrachte: „Setzen, Schnüss halten und Ruhe!“.

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