Über die Gleise ist der kürzeste Weg


Wie man auf einem «Kuhdorf» einen Fussgängertunnel von der Bahn gebaut bekommt.

Kurhessenbahn RB

Unsere kleine Dorfbahn

Im Frankfurter Umland, dort wo man Äppelwoi trinkt, gibt es viele verschlafene kleine Orte mit noch mehr Streuobstwiesen. Die Eisenbahn lag vor mehr als 100 Jahren am Rand des kleinen Dorfs, welches nach dem Krieg sprunghaft über die Bahnstrecke wuchs. Es gibt nur einen einzigen beschränkten Bahnübergang in gut 100 Meter Entfernung vom Bahnhof, der stets pünktlich vor dem Eintreffen der halbstündig verkehrenden Regionalbahn geschlossen wird. Die kleine Idylle wäre perfekt, wenn der Bahnhof noch klassisch bewirtschaftet würde aber immerhin gibt es dort einen Frisör und einen kleines Geschäft für den täglichen Bedarf. 

Allmorgendlich trifft es dann einen der vielen Tagespendler, der vor den geschlossenen Schranken steht und „seinen“ Zug vorbei rauschen sieht.

Das Auto ist übrigens in diesem Orten für die Fahrt zur Arbeit nach Frankfurt keine große Hilfe, da man sich über die die Autobahn in 4er Kolonnen Richtung Frankfurt voran quält und z. B. vom Offenbacher Kreuz auf der A3 bis zum Frankfurter Kreuz, also rund 35 km, rund eine Stunde Fahrzeit benötigt.

Wenn es also wieder „pressiert“, wenn morgens nicht‘s so klappt, wie es sollte oder man selig verschlafen hat: Wie soll man dann die Strasse hinunter, über den Bahnübergang gehen oder rennen und dann die kleine Bahnhofsstraße wieder hinauf kommend pünktlich den Zug erreichen, bevor die Schranke geschlossen wird? Das ist doch unmöglich! Dreimal die Woche zur Arbeit zu spät kommen, ist aber auch keine Option!

Da unsere kleine Dorfbahn aber nur zweimal die Stunde fährt, sieht man manche Fahrgäste – und es sind immer die Gleichen – nach dem Schließen der Bahnschranken auf ihrem absolut verbotenen, bald unaussprechlichen sowie höchst gefährlichen Weg über den Gleiskörper direkt Richtung Bahnhof huschen. Einige male werden sie sogar von ihren alltäglichen Mitreisenden lautstark dazu aufgefordert! Für echte Bahner nahezu unglaublich! (GEFAHR! Bitte nicht nachmachen!)

Dorfbahn "auf Strecke"

Eine andere Dorfbahn „auf Strecke“

Derart höchst verwerfliche und tatsächlich gefährliche Ordnungswidrigkeiten sprechen sich in einem kleinen ordentlichen, sauberen und peniblen hessischen Dorf schnell herum. Selbst die Bundespolizei hört von dem Tun der Pendler und erleichtert sie in der Folge über den Sommer um so manchen Euro an Strafzahlungen.

Irgendwann bekommt auch die Dorfpolitik – allen voran stets die Parteien denen die Stärkung des ÖPNV an ‘s grüne Herz gewachsen ist – „Wind von der Angelegenheit“. Anstatt bei der nächsten Wahl besonders penetrant laute, funkgesteuerte Wecker als Wahlgeschenke zu verteilen, wird lautstark eine Unterführung, also ein Fußgängertunnel gefordert.

Dann, viele Monate später, nimmt die Deutsche Bahn die Causa „Dorftunnel“ in den Finanz- und Bauplan auf und Jahre später zeigen Markierungen das Unglaubliche an: es soll tatsächlich endlich gebaut werden! Die Ingenieure haben die Tiefe des Tunnels bestimmt und breit muss er sein – sehr breit! Zudem behindertengerecht und da man Aufzüge einsparen will, baut man Rampen: Breite behindertengerechte Rampen, die nach EU-Norm keine große Neigung aufweisen dürfen und daher uuuuunnneeeendlich lang werden.

Im Herbst des letzten Jahres war dann endlich der große Tag: mit Bürgermeister, Bauleuten und Bahnern aller Fakultäten wurde der Dorftunnel in Betrieb genommen. Die Sonne lachte, der neue graue Beton erstrahlte, alle waren glücklich! Auch die Bahn freute sich und verstreute Vokabeln wie „halten am Streckennetz fest“, „Erleichterung für alle Bahnreisenden“ und „Kunden“ sowie „Investition in Höhe von 1 Mio. Euro“! BITTE? 1 Mio. Euro für ein Loch unter den Gleisen?

Ein Raunen ging durch die Lokalpolitik. 1 Mio. Euro – was hätte man damit nicht alles anstellen können? Die alte Bürgerhalle sanieren, ein neues Spritzenhaus errichten, 10 Jahre lang alle Schlaglöcher im Dorf stopfen. Man hätte auch 40 Jahre lang jemanden beschäftigen können, der alle Verspäteten sicher über die Gleise leitet oder notfalls auch trägt. Aber nun wurde gefeiert in dem kleinen Dorf – ausgiebig und natürlich mit Äppelwoi!

Die Tagespendler haben ihren Zeitplan zwischenzeitlich angepasst – schliesslich muss niemand mehr vor der Schranke warten und den Zug vorbeifahren sehen und auch das Auto ist immer noch keine Alternative!

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