Unterwegs mit der Hellebarde


Im Sommer kam Andreas von einem Wochenendausflug aus der Westschweiz und reiste an einem sonnigen Sonntagnachmittag Richtung Basel. Er hatte versehentlich den falschen Zug gewählt und saß im InterRegio, der ihm eine schöne vor allem ruhige Gondelei durch das Kanton Zürich, Aargau und Basel Land bescherte würde. Im Bahnhof Frick schaute er gelangweilt aus dem Fenster auf den Bahnsteig und sah einen Menschen, der etwas wie eine Stehlampe in der Hand hatte. Darauf war oben die leuchtend blaue Einkaufstasche eines schwedischen Möbelhauses drapiert. Er vergaß das Gesehene so schnell wieder, wie es aufgetaucht war.

Auf einmal stand jemand in einer Hose mit einem grünen und einem roten hautengen Hosenbein vor seinem Sitzplatz. Er schaute auf und erkannte eine junge Dame. Der Zeitgenosse mit der Stehlampe war auch im Großraumwagen gelandet und verstaute das große Gerät umständlich aber dafür auffallend sorgfältig in der Kofferablage. Sonderbare Kleidung hatte auch er an, Andreas machte sich aber keine weiteren Gedanken. Die Zweibeinige fragte nach den freien Sitzplätzen – „Bitte sehr!“.

Die beiden kämen vom Mittelalterfest und sie würde eine Bänkelsängerin darstellen, daher die unterschiedlichen Farben an den Beinen. Stolz präsentierte sie ihr kleines Messer am Hosenbund: „Damit darf ich nur bis Basel – in Deutschland strengstens verboten!“ Wie sich die Waffengesetze doch unterscheiden. Ihr Begleiter grinste nur: „… in Deutschland wäre man ja diesbezüglich so «scharf»“.

Nach einer Weile konnte er es sich nicht verkneifen: „Mich liessen die gar nicht rein! Ich habe da eine Hellebarde dabei!“ Ungläubig schaute Andreas ihn an – eine scharfe mittelalterliche Waffe? Hier im Zug? Ihm wurde mulmig.

Kurzentschlossen sprang der eidgenössische Waffenbruder auf, kramte seine vermeintliche Stehlampe aus der Kofferablage und zog die blaue „Tüten-Schutzhaube“ ab. Das Gerät war fast zwei Meter fünfzig hoch. „Mit der Pike durchstosse ich des Ritters Rüstung“ er stieß vor und fuchtelte mit dem Ding in der Luft über den Köpfen der Fahrgäste herum „und mit dem Haken reisse ich den Ritter vom Pferd!“ Glücklicherweise schwang er nun nicht die Schneide durch den Saal, denn die Schaffnerin kam und forderte die Fahrkarten ein. Er verpackte und verstaute seine Gerätschaft wieder sorgfältig und plauderte mit Andreas und der Begleiterin über die Erlebnisse vom Mittelalterfest bis sie in Basel waren.

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