Verprügelt …


Forsch trat er vor den Fahrkartenautomaten und tippte sein Begehr auf dem Display ein. Er war rund 1,8 Meter groß, trug Turnschuhe, eine Hornbrille, die zu seinem dunklen Haar gut passten. Sein Rucksack wirkte schlaff und verloren an ihm, an seiner linken Hand hatte er eine 70er Jahre Retro-Kult-Uhr. Schon zückte er die Geldbörse und warf energisch und bestimmt Münze nach Münze ein. Der Automat gab die Münzen geräuschvoll wieder aus. Er versuchte es abermals.

Wie oft hatte ich schon mit diesem Automaten gerungen: einfache Fahrt nach Köln, BahnCard 25 und 2. Klasse – das kann doch nicht so schwer sein! Mitleidsvoll sah ich ihn die Münzen am Automaten reiben, dann erneut einwerfen.

Die Durchsage kündigte die Einfahrt der Regionalbahn an. Die Münzen rasselten erneut durch – der Automat war heute wieder besonders zickig!2014-08 Berlin 17

Er gab anschliessend erneut Daten in die Auswahlfelder ein, wobei seine Finger so auf das Display einhämmerten, dass man meinen könnte sie würden im nächsten Moment brechen. Sein Rucksack wippte im Takt auf und nieder.

Ein leises sirren der Schienen kündigte die Einfahrt der Regionalbahn an. Der Kampf mit dem Automaten ging in die dritte Runde: Er zog die Kreditkarte und führte sie vorsichtig in das Lesegerät ein, starrte dann auf das Display und zog die Karte ganz vorsichtig mit spitzen Fingern heraus. Er drehte sich zum Zug herum. Die Menschen stiegen aus dem Zug aus, der Bahnsteig leerte sich. Sodann führte er die Karte abermals vorsichtig mit spitzen Fingern in den Kartenschlitz, starrte wieder in das Display und zog die Karte noch vorsichtiger heraus.

Die Türen des Zuges schlossen sich, der Zug rollte an. Abermals tippte er energisch auf das Display ein. Er war inzwischen sichtlich angenervt und kommentierte seine Eingaben, wobei er begann, den Automaten zu beschimpfen. Schließlich trat er mit dem Fuß gegen den Betonsockel: „Drecksmaschine!“

Die Bahn war schon über alle Berge, als er einen Geldschein aus der Börse nestelte. Sorgsam glättete er den Schein, faltete auch die Eselsohren glatt und schob ihn in den Einzugsschlitz. Noch während der Automat das Geld einzog, hörte man einen Drucker einen Fahrschein ausfertigen. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht: „Warum denn nicht gleich?“ Das Ticket und das Wechselgeld landeten rasselnd in der Münzausgabe. Als er hineingriff verzog sich sein Gesicht schmerzvoll. „Au, aua!“ schrie er laut. Mit der anderen Hand griff er sich an das Handgelenk und versuchte verzweifelt die Hand aus dem Schlitz zu ziehen. Doch zwecklos: die Hand steckte fest.

Ich trat näher: „Hilfe!“ rief er und dann „Der Drecksautomat hält mich fest!“ Und tatsächlich verhinderte die Klappe aus Kunststoff an der Vorderseite, die sonst das Wechselgeld in der Ausgabe hält, das Herausziehen der Hand. Er heischte mich an: „Tun Sie doch was!“ und trat erneut gegen den Betonsockel.

Der Automat drehte sich um nun die Längsachse und knallte mit der Unterkante gegen sein Schienbein. Der Mann krümmte sich und schrie vor Schmerzen auf, ich trat erschrocken einen Schritt zurück. Mit der Oberkante schlug das Gerät darauf hin auf seinen Kopf ein. Er schrie erneut vor Schmerz laut auf. Als tanze das Gerät auf dem Betonsockel, versetzte es ihm nun wie ein Preisboxer einen linken und dann einen rechten Haken. Und so trommelte Schlag auf Schlag auf ihn ein. Er schrie: „Lass das, au, nicht da schon wieder, au, Aua!“.

Endlich bekam er seine Hand frei. Der Automat stand auf seinem Betonsockel als wäre nichts geschehen.

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