Lilo‘s heißes Stellwerk


2013-10-Sauschwänzlebahn (1)Im Spätsommer des letzten Jahres bin ich im Südschwarzwald durch Zufall auf die ehemalige „Grossherzoglich Badische Staats • Eisenbahn • Blumberg“ gestossen. Obwohl „gestossen“ die Sache nur fast trifft: tatsächlich bin ich um eine Kurve gefahren und da stand dieses Riesen-Schienenmonster, das bei näherer Betrachtung auch schon bessere Zeiten gesehen hatte. Selbstverständlich habe ich sofort gehalten und mich fotografisch etwas an der Lok und auch an den Gebäuden umgesehen. 

Die 52 8012 ist noch renovierungsbedürftig

Die 52 8012 ist noch renovierungsbedürftig

Vor dem Museum im alten Bahnhof der „Sauschwänzlebahn“, wie die Museumsbahn heute heißt, traf ich eine Frau Mitte 20, die mich mich anstrahlte. Sie stellte sich mit „Hy, ich bin Lilo!“ vor und streckte mir zum Gruß ihre Hand entgegen. Ihre echte Workerjeans mit Latz wurde von einer aussergewöhnlichen Jeanskappe gekrönt, das ihre langen blonden Haare kaum zu verstecken mochte. Unter der Jeans trug sie ein Tanktopp, was ihre weiblichen Kurven mehr als betonte.

Der Name der Bahn entstamme der sich am Fuß des Schwarzwalds wie ein Schweineschwanz ringelnden Strecke, erläuterte sie mir und so kamen wir kurz ins Gespräch, bevor sie weg gerufen wurde. Im kleinen Museum schaute ich mir die viele liebevoll dekorierten Exponate an und war recht angetan von dem Dampfzylinder, in den man nun ganz aus der Nähe umfänglich ansehen konnte. Der aufgeschnittene Kessel vermittelte – mit seinen 1001 Röhren – einen guten Einblick in die Technik. Hier wurde also im Betrieb Wasser zu Dampf.

Nach wohl einer guten halben Stunde schoss Lilo aus den Katakomben des Museums kommend an mir vorbei und zum Tor des Museums hinaus, drehte auf dem Absatz um, stand mit einem Bein waagerecht in der Luft, hielt sich mit beiden Händen an der am Rahmen des Tors fest und rief mir zu: „Sorry, die Pflicht ruft. Ich musch g‘rad in‘s Stellwerk n‘auf! Besuch mich doch später!“ sprach‘s, zwinkerte mir zum Abschied zu.

Stellwerk der Sauschwänzlebahn

Stellwerk der Sauschwänzlebahn

Das lies ich mir nicht zweimal sagen; nachdem ich die Runde im Museum abgeschlossen hatte, turnte ich zum Stellwerk hoch. Es thronte über den Gleisanlagen, ist rundherum verglast und so hat man einen tollen Blick über die Bahnanlagen. Oben hämmerte ich mit der Faust gegen die Tür und tatsächlich wurde mir aufgetan: Lilo lies mich lächelnd ein. Wie sich nun herausstellte war sie die Leiterin des Stellwerks und war dort ganz allein. Der Funk quakte – ich freute mich auf eine neue Bahngeschichte und schaute mich im Stellwerk um. Mittels langer Hebel wurde Drahtseile gezogen, die Weichen, Gleissperren, Riegel oder Signale bedienten.

Lilo stand urplötzlich neben mir. Eigentlich sei sie hier groß geworden, denn ihr Vater wäre lange Jahre Leiter des Stellwerks gewesen und hätte hier an Tagen mit Fahrbetrieb Signale und auch die paar Weichen gestellt. Seit frühester Kindheit hätte sie schon – unterstützt durch ihn – „Signal gemacht“. Nun fasste sie über Schulterhöhe einen der vielen Hebel an. Ihr ganzer Körper spannte sich – ein sicherlich zuschlagspflichtiger Anblick – „Sicherung lösen, isch wie Fahrradbrämse zieh’n und dann Häbel umlägen!“. Aufgrund ihrer spinnendünnen Ärmchen hätte man ihr gar nicht zugetraut, dass sie die Kraft für das Umlegen des Signalhebels aufbringen kann. Und tatsächlich mühte sie sich kräftig an dem langen Hebel unter Einsatz ihres gesamten Gewichts ab, worauf dieser unten knapp über dem Fussboden einrastete. Sie lies gefühlvoll den Sicherungshebel los, und richtete sich wieder auf. Mir wurde schwindelig.

Ich fragte wieso eine junge Frau wie sie hier oben im Stellwerk einer Museumsbahn ihren Mann steht, worauf sie entgegnete: „Was soll ich hier denn sonst machen? Kaffeeschubse auf Stöckeln und selbst gemachten Kuchen aufschneiden?“ Der Job hier beim Museumsverein sei doch klasse: „Die großen Jungs mit ihren riesigen Loks voller Power müssen warten, bis ich sie auf Strecke lasse! Und der gesamte Verein „tanzt so nach meiner «Pfeiffe»! Des isch wohl einmalig, oder?!“

Aus der Ferne tönte ein Pfeiffen und wir sahen durch die großen Fenster eine Dampflok ganz hinten am Einfahrtssignal des kleinen Bahnhofs fauchen, der Betriebsfunk quakte. Es war dieses altbekannte mehrtönige Pfeiffen einer alten Dampflok, die keine Presslufttröte imitieren kann. Der Zug einer Ausflugsfahrt kam unter Dampf zurück und Lilo war wohl einen Moment zu lange unaufmerksam gewesen und machte eine abfällige Handbewegung und meinte genervt nur: „E tranquillo, django!“. Sie legte noch einen der großen Hebel um, wobei sie mir zuzwinkerte. Anscheinend wusste sie ganz genau, was sie hier tat.

Lilo – Chefin des Stellwerks

Lilo – Chefin des Stellwerks

Meine Frage nach einem Foto verneinte sie, man könne sich doch nicht schmutzig in Arbeitskleidung abbilden, denn „däsch gäht ja gar nicht!“. Sie würde mir aber später ein Foto senden. Das tat sie auch!

Nachdem der Zug eingefahren war und alle Gleise und Streckensignale wieder für einige Tage in Ruhestellung gebracht waren, fiel Lilo erschöpft auf den Stuhl neben einem kleinen alten und auch etwas speckigen Arbeitstisch und liess die Luft zwischen ihren Zähnen zischen: „Zwei Fahrtage der Museumsbahn und Du brauchst nicht mehr ins Studio!“

2013-10-Sauschwänzlebahn (4)

Lilo stellt erst alle Signale auf «Halt» und macht dann Pause auf ihre ganz eigene Art.
Nicht nachmachen!

Aus ihrer Workerjeans angelte sie ein Smartphone und hielt mir das Bild rechts unter die Nase: „So machen echte Bahnerinnen einen freien Tag!“ Ich fragte irritiert, ob denn kein anderer „freie Fahrt“ geben könne. „Nä, nä, die anderen beiden Fahrdienstleiter waren im Krankenhaus – Männerprobleme!“

Siehe auch

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3 Gedanken zu „Lilo‘s heißes Stellwerk

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