Ein langer Weg nach Halle/Saale …


… in Wagen aus Reichsbahnbeständen

In einem der schneereichen Winter der letzten Jahre reisten wir auf Einladung eines langjährigen Freundes „zwischen den Jahren“ von Frankfurt am Main nach Halle an der Saale. Planmässig sollten meine Frau und ich in Göttingen auf einen langsameren (und günstigeren!) IC umsteigen. Doch in einer Durchsage im Bordfunk bat man uns aufgrund der grossen Auslastung des „Göttinger Zugs“ inständig bis Hannover weiterzureisen und dort den schnelleren (und teureren!) Zug zu nehmen. Gerne doch! Und so reisten wir bei bestem Sonnenwetter durch die tief verschneiten Winterlandschaften weiter Richtung Hannover und freuten uns auf das bevorstehende Sylvester-Fest.

Besser schlecht gefahren, als gut gelaufen!

Besser schlecht gefahren, als gut gelaufen!

In Hannover angekommen, wurde der IC mit einer erheblichen Verspätung angekündigt und man befleissigte sich, per Durchsage die Verspätung und die Unannehmlichkeiten zu entschuldigen. Tatsächlich mit einer Verspätung von rund 40 Minuten kam der IC auch – jedenfalls das Rollmaterial, was man dafür ausgab: eine Fernverkehrslok mit vier alten Regionalwagen fuhren ein. Man hatte augenscheinlich alles zusammengekoppelt, was die Abstellgleise hergaben. Tatsächlich fanden in diesem IC nach Leipzig über Magdeburg nach Halle/Saale alle Fahrgäste einen Sitzplatz, was uns noch mehr wunderte. Und wieder reisten wir durch tief verschneite Landschaften und es kam uns vor, als hätte die „Abteilung für Landschaftsdekoration“ ihren Schnee noch üppiger verteilt, als bei uns Zuhause. Im Nirgendwo hielt der Zug an einem Bahnsteig und dort stiegen sogar Menschen aus. Die Reise wurde immer skurriler! Weiter zuckelten wir über Feld, Wald und Wiesen und auch die Tiere gaben sich nun nach Mittag ein Stelldichein! Hasen, Rehe und Karnickel flitzten über die verschneiten Felder und sogar ein Bussard kreiste. Der Ausblick aus dem Fenster auf die tief verschneite Landschaft und die Tiere darin wären eigentlich zuschlagpflichtig gewesen.

Proviantierung oder eine Entschuldigung?

Die Tierschau wurde jäh durch die Verteilung von Reiseproviant durch eine Servicekraft unterbrochen. Sie stapfte zwischen dem Gepäck der Fahrgäste hindurch und hatte dabei einen großen Karton unter dem Arm. Aus ihm verteilte sie mit einem netten Lächeln aber kommentarlos Gummibächen oder Kekse. Heute war wohl alles etwas rustikaler, man tat aber, was man konnte in dieser misslichen Lage. Niemand beschwerte sich wegen Verspätung oder Zugqualität, niemand entrüstete sich. Man nahm es, wie es kam – man konnte eh nichts ändern. Es ging immerhin vorwärts – noch!

Ich sah meine Frau zwinkernd an und wir brachen parallel in Gelächter aus. Diese Reise in dem alten Rollmaterial war doch etwas anders, als man sich üblicherweise einen IC vorstellt. Aber man will sich nicht beschweren – es fährt! Das Lachen blieb uns im Hals stecken, als der Bordfunk nun die Durchsage krächzte, dass unser Paradezug in Magdeburg enden würde. Nix bis Halle oder Leipzig und durchfahren im immerhin lauwarmen Regionalwagen. Begründungen gab es nicht – wozu auch? Ein Blick durch das Fenster reichte doch. Ausnahmesituation!

Nun gut – so räumten wir in Magdeburg den Zug. Auffällig war das viele Sicherheitspersonal am Zug, was uns doch sehr wunderte. Wir konnten aber keine Promis entdecken.

Aufgrund des starken Schneefalls hatte man auf dem Bahnsteig nur Wege freigeschaufelt und auf den festgetretenen Schnee Split gestreut. Aufgrund der engen Wege mit links und rechts einem Schneewall von rund 40 bis 50 cm Höhe liefen die Fahrgäste nun brav hintereinander, ein Überholen war nicht möglich. Anstatt das Gepäck cool über den Bahnsteig zu rollen, war nun schwere Schlepperei angesagt! Plötzlich stockte alles. Meine Frau drehte sich um und meinte nur: „Das sieht hier aus wie in einem alten Film“. Und tatsächlich: die mehrheitlich dunkel gekleideten Reisenden bildeten lange Schlangen, es ging nicht recht weiter, niemand jammerte, niemand beschwerte sich – wo auch? Man fügte sich in sein Schicksal.

Wegen der eisigen Kälte und einem schneidenden Wind standen die Fahrgäste „auf dem Sprung“ im Bahnhofstunnel um so vor Kälte und Wind ein wenig Schutz zu finden. Jemand rief oben auf der Treppe zum Bahnsteig die einfahrenden Züge aus und sofort lösten sich Einige aus der Menschenmasse und stapften die Treppe herauf. Schliesslich kam auch unser Zug … abends waren wir endlich da und hatten etwas zu erzählen.

Wir werden berühmt … im Radio

Beim Frühstück am anderen Morgen hörten wir die Nachrichten im MDR Radio. Verkehrsminister Ramsauer hätte in Magdeburg einen IC bestiegen, der aus Hannover nach Leipzig fuhr und wäre mit Regionalbahnwagen befördert worden. Wir sahen uns verblüfft an „Euer Zug?“ raunte jemand. „Psst“„ zischte es. Der Minister hätte aus dem Zug direkt beim Bahnchef Grube im Büro angerufen, sich durchstellen lassen und sich über die Zustände in Magdeburg beklagt. Kolportiert wurde, er hätte bei dem „rollenden Schrott aus ehemaligen Reichsbahnbeständen“ dringensten Erneuerungsbedarf gesehen und dem Bahnchef dazu eine gehörige Standpauke gehalten. Uns klappte kollektiv der Unterkiefer herunter.

Aufgrund unserer mehr als zweistündigen Verspätung reichte meine Frau bei der Servicestelle unsere Belege ein und erhielt die Hälfte des Fahrpreises erstattet. Den Grund habe ich nie so recht verstanden. Beim nächstem mal aber, da rufe ich Herrn Grube direkt an!

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