Heiligabend in Münster


Prinzipalmarkt in Münster

Prinzipalmarkt in Münster

Am Heiligen Abend gegen halb zehn stand ich wartend an „unserer“ Bushaltestelle. Ein kleiner Ausflug per Bahn nach Dortmund zum großen Weihnachtsbaum war geplant. Der Sturm tobte über das Land, die Flaggen am Bettenhaus drohten zu zerreissen und die Halteseile schlugen an die Fahnenmasten, was eigenartig klackernde Geräusche erzeugte. Die Nachbarskinder Jan und Lea tobten eilig über die Hammer Straße und wollten wohl auch noch den Bus erwischen. Mit den Blockflöten unter dem Arm erklärten die beiden mir, würden sie sich wohl auf dem Prinzipalmarkt, also in Münsters „guten Stube“, ein kleines Weihnachtsgeld erspielen.

Stadteinwärts war der längste Stau, an den ich mich entsinnen kann, in dem auch ein Weihnachtsmann näher kam. Sechs stattliche Rentiere zogen seinen Schlitten, der unten einen Satz kleiner Rollen hatte, um den Rentieren das Ziehen zu erleichtern. Die Kinder und auch ich staunten nicht schlecht und Lea rief, „Guck mal, das gibt es doch gar nicht!“ Ich wunderte mich, wer wohl am Heiligen Abend so einen Aufwand treibt. Friedel vom Schützenverein? Ach nein, der war vor zwei Jahren leider verstorben, aber er war stets ein stattlicher und auch ein freundlicher Nikolaus. Anton, der Leiter des Lebensmittelladens, aufgrund seiner Leibesfülle auch liebevoll „Tönne“ gerufen?

Meine Gedanken wurden durch den Weihnachtsmann unterbrochen, der grüßte und uns fragte, ob man denn hier immer so einen Stau hätte. „Äh, ja, nö!“ war die eindeutige Antwort von Jan.

Fünf Minuten später, er war gerade einmal zwei Meter vorangekommen, zwinkerte der Weihnachtsmann uns zu und meinte: „Das geht ja gar nicht, hier!“ Er rief die Tiere, schnalzte mit der Zunge, knallte leicht mit den Zügeln auf deren Rücken, die Tiere sprangen und sowohl Rentiere und Schlitten erhoben sich in die Luft um im gleichen Moment blitzschnell über die Dächer der Autos stadteinwärts, also Richtung Preußenstadion davonzueilen. Durch den flotten Kavalierstart lösten sich zwei große Pakete aus dem Schlitten und fielen krachend auf den Asphalt. Die Kinder stürzten Richtung Paket in den rollenden Verkehr und ich bekam sie noch gerade am Schlafittchen zu fassen: „Immer langsam, ihr beiden!“. Die Autofahrer stoppten, gaben uns mit der Lichthupe Zeichen und wir schleppten mit vereinten Kräften die zwei Pakete zum Wartestellen-Häuschen. Der Weihnachtsmann hatte sein kleines Malheur bemerkt und drehte seinen Schlitten quietschend in der Luft in der Höhe des „Preußen“. Der ganze Schlitten wackelte und wankte im Sturm und drohte bald umzustürzen. Die Rentiere gaben alles und schon donnerten die Tiere nun Richtung Hiltrup an uns vorbei, machten aber Höhe Bettenhaus einen erneuten U-turn. Wieder rappelte und klapperte alles und der Schlitten neigte sich und ächzte schwer in der Kurve. Dann schwebte er vor der Bushaltestelle, die Tiere trappelten ungeduldig auf der Stelle. Auf sein Zeichen hin reichten wir ihm die zwei herunter gefallenen Pakete an. Bevor er Richtung Stadt über die Dächer der Autos davon donnerte wünschte er den Kindern und mir noch „Frohe Weihnachten!“ und reichte zwei kleine Paketchen für die Kinder runter: „Für Lea habe ich dieses Jahr etwas ganz besonderes, was Du Dir immer schon gewünscht hast! Einen Pferdetransport-Anhänger! Und Jan“ er machte eine kleine Pause, salutierte, lächelte und sagte: „Mission PSB ist erfolgreich abgeschlossen!“ Die beiden Kinder strahlten vor Freude, bedankten sich artig beim Weihnachtsmann und wünschten ihm alles Gute. Wir winkten zum Abschied als die Rentiere mit ihm davon brausten.

Wohin die Züge fahren …

Wohin die Züge fahren …

„Hallo, Hallo aufwachen!“ Es rüttelte vorsichtig an meinem Knie. Verschlafen öffnete ich die Augen und vor mir stand zu mir herunter gebückt lächelnd eine junge Frau. Sie zog schnell ihre Hand von meinem Knie zurück. Ich schaute in ihre strahlenden blauen Augen, ihr Lächeln umkränzt von dem blond gelocktem Haar über dem dunkelblauen Pullover sah sie aus wie das Christkind. Auf ihren Blusenkragen war das Logo der Bahn eingestickt. Schlagartig war ich wieder im hier und jetzt: eine Schaffnerin! Mit sanfter Stimme sagte sie zu mir „Endstation – bitte aussteigen!“.

Advertisements

Ein Gedanke zu „Heiligabend in Münster

  1. Pingback: Ein bischen Weihnachten … | MyBahn

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s