Eine lange Reise für ein bisschen Dresche


Von einem der auszog, sich auf der Reeperbahn mal so richtig „vertrimmen“ zu lassen

Als Gastarbeiter deutscher Mundart im schwäbischen Ausland trifft man freitags immer wieder auf interessante Menschen in Bus und Bahn. Für die nötige Nähe und Nestwärme sorgt die Enge, da nicht nur sämtliche Sitzplätze sondern zudem auch die Gänge sowie Ein- und Aussteige mit Mensch und Gepäck schier zugepfropft sind. Aus alter Gewohnheit suchte ich an jenem Freitag Nachmittag einen ICE mit Abteil auf, hat man doch im Abteil wenigstens die Spur einer Chance auf ein wenig Ruhe. So sollte es mir wohl gelingen, mich in die Zeitung zu vertiefen und entspannt in das Wochenende zu reisen.

In Stuttgart stieg ein Herr mittleren Alters zu, von dem ich anfangs nur aus dem Augenwinkel sein großes Gepäck wahrnahm und zog im Unterbewusstsein routiniert die langen Beine und Füße ein. Erst als er das dritte mal schwer bepackt und ächzend Material hereinschleppte, sah ich auf. Stahlrohre! Er schleppte Vierkantstahl herein und verstaute sie unter der gegenüberliegenden Sitzreihe. An das zwei Daumenbreite und bis zu zwei Meter lange Material waren Stutzen angeschweißt und hier und da schauten Schrauben und Flügelmuttern heraus. „Leute gibt das!“dachte ich und vertiefte mich wieder in meine Zeitung. Kurz vor Frankfurt begann er das Abteil zu unterhalten:

ICE3 AbteilEr wäre auf dem Weg nach Hamburg. „So so …“ entgegnete ich und das Desinteresse war nicht nur gespielt – die Zeitung wartete. „So so – haben wir nicht alle ein Ziel auf Erden?“ Falscher Fehler! Die Antwort war viel zu lang und so sprudelte es sofort aus ihm heraus: „Zur Reeperbahn geht‘s!“. Ein Schwabe in Hamburg! „Ja, ich brauche Dresche!“ sprachs – an dieser Stelle hielt ich das noch für einen guten Witz: „Dresche?“. Ich lies die Zeitung sinken. Ja, ab und zu bräuchte er halt ein wenig Dresche und die würde er sich bei den Damen auf der Reeperbahn abholen. Behänd sprang er auf und zog unter der gegenüberliegenden Sitzreihe sein wohl selbst lackiertes Stahlrohrgebastel heraus. Dies wären die senkrechten Holme und hier wären die Verstrebungen begann er zu erläutern. Auch eine mit rotem Kunstleder bezogene Sitzbank war zu montieren und hier und dort könne dieses oder jenes Spezialgerät befestigt werden. Ich war „Baff“ und mir fiel die Kinnlade herunter.

Sichtlich vergnügt und wohl voller Vorfreude, legte er nun richtig los: Er wäre einer der besten Konstrukteure solcher Möbel und würde stets in Naturalien bezahlt. Leisten könne er sich als Müllwerker das nämlich nicht, denn der öffentliche Dienst würde ja nicht ausreichend bezahlt. In mir stieg Mitleid ob seiner finanziellen Sorgen auf. Daher hätte er einen Nebenerwerb entwickelt und das Gewerbe würde gerade seine Möbel, die er in der Garage zusammen „löten“ würde, bevorzugen. Ausserdem sei er ja Dienstleister und würde die Einzelteile vor Ort fix und fertig montieren und auf Wunsch auch gleich mit einweihen. Die Damen würden ersteres sehr schätzen, weil sie ja hoch bezahlte Spezialistinnen seien, die wenig Lust verspürten einen Sessel nach Art eines schwedischen Möbelhauses selber zusammen zu schrauben. Das klang alles logisch.

Mittlerweile waren wir hinter Frankfurt und er berichtete mit strahlenden Augen von seinen Plänen: Um 24 Uhr wäre er in Hamburg Hbf, um 200 Uhr würde alles stehen und ab 300 Uhr nachts würde er sich freuen, seinen gerechten Lohn zu empfangen. Am Samstag würde er nachmittags stets einige Aufträge akquirieren und Samstag Abend oder nachts – so genau wisse man das ja nie – bekäme er dann „die zweite Tracht Dresche“.
UPS! Ich war sprachlos ob seiner Offenheit.

EurobahnSonntags würde er sich sodann artig bedanken gehen und schliesslich sei dann wieder die Rückreise angesagt, denn montags würden ja wieder Stuttgarts Strassen auf ihn warten, die dann völlig entspannt und mit schwäb‘scher Gründlichkeit abgekehrt werden könnten.

In Essen Hbf trennten sich unsere Wege und im Regionalexpress hingen mir seine Worte noch eine Weile nach – „Folge Deinem Stern und bleibe froh!“ gab er mir mit auf den Weg.

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