Was heisst Zug-Umleitung auf Spanisch?


Auf dem Weg vom hohen Norden in den Süden der Republik kann der Weg über Dortmund, Hagen Wuppertal und dann planmässig weiter nach Köln führen. Es muss kurz hinter Hagen gewesen sein, als unser Zug stetig langsamer fuhr und schliesslich stand. Vor dem Fenster sah ich an diesem regnerischen Herbsttag erstmals auf dieser Strecke die bedrohlich nahen „Berge“. Obwohl die Reise mich öfters hier vorbeiführte, hatte ich sie bis heute nie so nah, gefährlich und dunkel gesehen, besann mich aber wieder auf die Arbeit. Das Abteil war mit vier Personen gut besetzt und nach einer Weile seufzte jemand und sprach wohl allen damit aus der Seele. Nach einer schier endlosen Weile krächzte der Bordfunk „Äh, bzzzzz, liebe äh Fahrgäste. Aufgrund eines Felssturzes ist die vorausliegende Strecke derzeit gesperrt. Wir bitten um Ihr Verständnis und entschuldigen uns für die Unannehmlichkeiten.“

Soll ich nun eigenhändig mit anfassen und den Fels wegräumen, dachte ich bei mir? Ich besann mich wieder auf Geistesarbeit und hämmerte auf die Tastatur ein. Nach einer Weile schreckte der Bordfunk uns alle wieder auf. Er wußte nun zu vermelden, dass die Strecke so schnell nicht zu räumen sei und man mit der Transportleitung in Verbindung sei. „Hier werden Sie geholfen“ witzelte es noch. Mein Sitznachbar nuschelte „Wie soll es den «weiter» gehen, wenn es nicht vorwärtsgeht?“ und blätterte hastig in seinem Buch. Endlich outete er sich: Er sei Bahnfan, also ein „Pufferküsser“ im Bahnjargon und käme von einem Treffen der Bahnfreude, wo er sich endlich den „Großen historischen Bahnatlas“ gegönnt habe. In diesem ganz schlauen Buch stünden alle Bahnstrecken und historische Erläuterungen zur Bauzeit und den Zeitumständen. Er suchte nun unsere Strecke heraus und fand tatsächlich eine Umgehung, über die man uns wohl lotsen könne. Allerdings sei dies eine S-Bahnstrecke und es wirklich fraglich, ob man unseren Zug dort durchleiten könne.

Ein komischer Zug in Stuttgart Hbf

Das Ziel ist eindeutig Stuttgart – doch es werden viele Steine in den Weg gelegt …

Die junge Frau von gegenüber fragte zaghaft in englischer Sprache, warum es denn nicht weiter gehe. Nach einigem hin und her stellte sich heraus, dass sie eine Austauschwissenschaftlerin aus Spanien sei und kein deutsch spräche. Gestrandet mitten im Nichts, kein Wort Deutsch, nur deutsche Durchsagen ohne Übersetzung – ein wenig hilflos sei Sie derzeit. Wir übersetzten.

Eine gute halbe Stunde später meldete sich der Bordfunk wieder: Die Transportleitung habe in ihrer unendlichen Weisheit beschlossen, uns ohne Halt über Hagen, Dortmund, Essen, Duisburg, Düsseldorf nach Köln zu fahren. Ein Raunen ging durchs Abteil. „Unsere“ Spanierin hob hilflos die Arme. Wir übersetzten, der Zug fuhr an – nur rückwärts.

Staunend standen die Menschen an den anderen Bahnsteigen und sahen unseren IC ohne Halt vorbeirauschen. Das Schauspiel wiederholte sich zu unserer Freude an jedem Bahnhof. Die Freude wurde aber getrübt von der Verspätung und der aufziehenden Dunkelheit. Wie geht‘ s wohl angesichts des abgefahrenen Anschlusszuges weiter? Bis Köln hatten wir schon eine gute Stunde Verspätung und wurden daher hier und da angehalten um planmässig fahrende Züge vorbeizulassen. Stau bei der Bahn!

Kölner Dom

In der Anfahrt auf Köln Hbf

Hinter Köln meldete sich Frau Spanien wieder: Sie müsse nach Stuttgart und der Anschluss wartet? Kein Zug wartet in Deutschland über eine Stunde auf einen Anschlusszug aber es wird sicher einen Anschluss geben, auch wenn dieser nicht auf dem im Abteil ausliegenden Anschlussplan angegeben sei. Planmässig um 22:00 Uhr in Mannheim gibt es sicher einen Anschluss nach Stuttgart, aber um 23:30 Uhr?

Die Verspätung weitete sich aus, was zu leichtem Unbehagen in meiner Magengrube führte. Auch Spanien fragte und fragte. Hinter Koblenz – die Schnellfahrstecke Köln-Frankfurt war noch in Bau – interessierte sich das Personal für das „wohin“ und trommelte die Reisenden nach Stuttgart und weiter südlich im Wagen 6 zusammen. Der Zug war zwischenzeitlich leer geworden und bald jeder Reisende hatte ein eigenes Abteil und trug sein Schicksal mit Fassung. 18 Personen nach Stuttgart zählte der Zugchef und telefonierte los. Sodann kam die Parole „Halt in Mannheim und per Taxi-Express nach nach Heidelberg und mit dem letzten dort haltenden ICE nach Stuttgart.“ Schon übersetzte ich fleissig als mich unvermittelt ein spanischer Redeschwall traf. Nach Mannheim? Und dort in ein Taxi? Und wenn dort niemand ist? Und nichts von uns weiss? In einer fremden Stadt, ohne Ansprechpartner, mitten in einem Land in dem ich kein Wort spreche? Ihre Panik war nicht nur gespielt. Und wenn die Welt zwischenzeitlich untergeht? Und wer zahlt das Taxi? Fragen über Fragen!
Gute Frau, legte ich nun los, wir sind hier in Deutschland und nicht in Pusemuckel! „Puse – what?“ In Mannheim wird jemand vor Ort sein und wir haben hier – aller Voraussicht nach – auch Telefone mit denen man für Taxen Grossalarm geben kann, man müsse allerdings „die Beine in die Hand nehmen“!

In Mannheim stolperten wir zwei Stufen auf einmal nehmend Richtung Ausgang. In der Bahnhofshalle wurden wir schon von gestikulierend Richtung Ausgang zeigenden Mitarbeitern der Bahn empfangen. Im Vorbeilaufen fragte man uns „Nach Stuttgart?“ und schickte weiter uns Richtung Ausgang. Die Türen schlugen auf, wir stürmten im Laufschritt heraus. Draussen wartete schon wieder ein Mitarbeiter der Bahn und gab dem Taxifahrer einen Zettel, jemand war beim Einladen behilflich, wir sprangen in das Großraumtaxi, die Tür schlug zu. Auf der Autobahn kam ich wieder zu Atem. Flugs waren wir in Heidelberg und hatten bis zum Eintreffen des Zuges noch 10 Minuten Zeit. „So geht das also in Deutschland“, sagte die Spanierin staunend. „Ihr denkt hier in Deutschland wohl immer an alles, oder?“

Wir kamen mit zwei Stunden Verspätung in Stuttgart an. Die Welt hat sich seitdem mehrfach geweigert unterzugehen – Dank des Engagements und des Verständnisses einiger hingebungsvoller Mitarbeiter der Bahn.

Dieser Text gewann einen Preis im Schreibwettbewerb der Initiativen Bus und Bahnen

Im Rahmen des Schreibprojekts Meine Stadt schreibt ein Buch der Volkshochschulen, veranstaltete die Landesinitiative „Busse und Bahnen NRW“ sowie der Initiative Bahn NRW den Wettbewerb Geschichten aus 1001 Fahrt. Darin konnten Menschen aus NRW ihre Geschichten aus Zug, Bahnhof oder Strassenbahn erzählen. Die eingereichten Beiträge sind veröffentlicht unter busse-und-bahnen.nrw.de. Natürlich habe auch ich kräftig eingereicht und sogar einen der Preise erzielt: den Gutschein einer überregionalen Buchhandlung.

DANK

Bild “In der Anfahrt auf Köln Hbf”: © Jürgen Ehlers;
Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung

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