Vom Lokführer, der sich verfuhr


„Entschuldigung, ich habe mich verfahren!“

Als Bahnreisender ist man sich doch stets sicher, früher oder später auch dort anzukommen, wo man ankommen möchte. Und obwohl man sich stets sicher ist, ist dies nicht immer so.

ICE 3 in Münster HBfEs war Mitte Februar, die Sonne stand gegen 16:30 Uhr reichlich tief, als in Mannheim Hbf der ICE 209 Richtung Basel SBB endlich einlief. Bei Eiseskälte auf dem zugigen Bahnsteig kommen wohl nicht nur mir die Minuten wie Stunden vor. Im Zug war der Empfang des aussergewöhnlich netten Zugführers umso schöner und im wohlig warm beheizten Großraumwagen gab es sogar noch Sitzplätze. Perfekt! Entspannt lehnte ich mich zurück „und ab dafür“! Der ICE surrte leise beim Anfahren. Hinter Karlsruhe Hbf wurde es draussen immer dunkler. Keine Strassenlaterne war weit und breit zusehen, kaum erhellten Autos die Landschaft. Eine Felswand zog dunkel und bedrohlich nah vorbei. Voller Vertrauen in Zug, Bahn und Mitarbeiter des Unternehmens, lehnte ich mich entspannt wieder zurück. Der Zug verlangsamte seine Reise immer weiter. Anfangs dachte ich mir nichts dabei, aber der Zug bummelte und zuckelte schliesslich nur noch durch die badenser Landschaft. Schliesslich standen wir.

innenraum-640Nach einer Weile knackte der Lautsprecher, dann krächzte es: „Äh. Äh, werte Fahrgäste – hier spricht Ihr Lokführer! Ich sag‘s g‘rad einmal frei heraus, wi‘s isch: ich hab‘ mich verfahr‘n!“ schwäbelte es krächzend und knackend aus dem Lautsprecher. Man habe ihm die Weichen falsch gestellt und so habe er den rechten Weg verfehlt, wurden wir belehrt. Ein Raunen ging durch den Waggon. Die Transportleitung – wer immer das sei – hätte ihn aber den Rückweg freigehalten und so würde es gleich in umgekehrter Richtung „weiter gehen“, wozu er aber den Führerstand wechseln müsste.

Eilig hastete der Lokführer in blauer Lederjacke mit rotem Streifen auf der Schulter und mit seinem schwarzen DB Rucksack klar erkennbar im Waggon vorbei. Wiederum nach einigen Minuten schwäbelte dann krächzend die Durchsage, dass der Führerstand gewechselt sei, die Transportleitung hätte die „Bahn frei“ gemacht und „grünes Licht“ gegeben. So übersetzte er uns das für Laien völlig unverständliche Bahn-Neudeutsch. Ist es nicht wunderbar als Kunde in die technischen Vorgänge hinter den Kulissen einbezogen zu werden? Und tatsächlich setzte sich der Zug binnen kürzester Zeit surrend in entgegen gesetzte Richtung in Bewegung, wurde bald schnell und schneller und wir eilten endlich wieder Offenburg entgegen.

DANK

Bannerbild: „Werdenfelsbahn bei Nacht“
© Alwine Weisshuhn; Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung.

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